Odyssee durch Ostmitteleuropa …

… eine Erlebnisbericht von Dr. Elke Hertel:

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© NASA

Ein kleiner Vulkan aus Island namens Eyjafjalla, der fast die ganze Welt plötzlich in Aufruhr brachte, plagte auch die Austauschgruppe des Gymnasiums Heidberg, die sich im Rahmen des Deutsch-Russischen Theaterprojekts vom 11.-18. April 2010 in St. Petersburg aufhielt. Die Aschenwolke, die der Vulkan in die Atmosphäre stieß, legte für mehrere Tage den Luftverkehr lahm, eine Rückreise per Flugzeug von St. Petersburg nach Hamburg fand nicht statt, statt dessen ging es per Reisebus nach Hause …

Eine ungewöhnliche Rückfahrt von St. Petersburg nach Hamburg

Bild_4Am Sonntag, dem 18. April 2010, fuhren wir, 15 Schüler, unsere russische Fremdsprachenassistentin Irina, meine Kollegin (eigentlich seit drei Jahren Pensionärin) Ursula Wegehenkel und ich, Dr. Elke Hertel, allesamt die deutsch-russische Theatergruppe des Gymnasiums Heidberg, voller Hoffnung und Bangen zugleich zum Flughafen Pulkoro in St. Petersburg. Die Flugzeit war laut Internetanzeige von 11.00 Uhr auf 13.20 Uhr verlegt worden. Daneben stand „ozhidajetsa“, „wird erwartet“. Noch auf dem Weg zum Flughafen erreichte uns jedoch die Information, dass im Internet nun nicht mehr „ozhidajetsa“, sondern „cancelled“ stehe.

Sofort zurück in unsere Wohnung, auf der Grazchdanka im Norden von St. Petersburg? Das war nicht möglich, schließlich würden am Flughafen auch unsere Schüler und ihre russischen Gasteltern eintreffen. Wir fragten uns, wie sie auf die Nachricht reagieren würden. Da wir selbst als erste am Flughafen eintrafen, hatten wir die Chance, vor unseren Schülern herauszufinden, wie die Lage war: aussichtslos, jedenfalls, was die Möglichkeit eines Rückflugs betraf. Ich stellte mich in die unendlich lang erscheinende Schlange am Rossija-Schalter, um für alle 18 Flugtickets den Stempel „otmen“, „storniert“, zu erhalten. Ohne diesen Stempel wäre eine spätere Erstattung nicht möglich. Währenddessen nahmen Ursula Wegehenkel und unsere beiden russischen Kolleginnen, Nina Chrulowa und Polina Simina die eintreffenden Schüler und die russischen Gastfamilien in Empfang und informierten sie über die Lage. Sie vereinbarten, dass alle nach Hause zurückkehren und in ihren Wohnungen auf eine Nachricht von uns warten sollten. Schließlich würden wir im positiven Falle möglicherweise ganz schnell starten müssen.

Keiner jammerte, denn der Anblick der am Flughafen mit Gepäck festsitzenden Fluggäste machte jedem aus unserer Gruppe ohne Worte klar, wie viel besser es uns ging: Wir hatten unsere russischen Familien! Auch wenn die russischen Familien in der Regel sehr beengt wohnen (Zwei-Zimmer-Wohnungen gelten als die Regel und als absolut zufriedenstellend, um nicht zu sagen: erstrebenswert), ist ihnen der Gast niemals lästig. Obwohl einige sogar Oma und Opa für die Zeit des deutschen Besuchs auslagern müssen, manche Eltern zum Beispiel bei Nachbarn schlafen, um ein Bett für den deutschen Gast freizumachen, würde keine russische Familie auf die Idee kommen, sich darüber zu beschweren, dass der Gast länger bleibt. Das deutsche Kind gehört mit zur Familie. Die bekannte russische Gastfreundschaft gilt immer noch, und Kinder sind für die Russen sowieso das Höchste.

Inzwischen hatte ich mich in der Schlange am Rossija-Schalter knapp 10 Meter nach vorne bewegt. Unsere lebenstüchtige Nina erkannte, dass das Warten noch sehr lange dauern würde und so fand Nina bald eine kleine Nebenstelle, wo sie die Stempel für unsere Flugtickets sehr viel schneller erhielt. Als wir uns umdrehten, entdeckten wir in der Schlange Herrn Herms, den Leiter des Staatsamts im Hamburger Rathaus. Drei Tage zuvor war er gemeinsam mit dem deutschen Generalkonsul bei unserer deutsch-russischen Aufführung „Max und Moritz“ gewesen. Auch er saß also hier in St. Petersburg fest. Nachdem auch Herr Herms mit Ninas Hilfe seinen schnellen Stempel erhalten hatte, diskutierten wir nun gemeinsam die Chancen, aus St. Petersburg nach Hamburg zu kommen, ohne Flugzeug. Der nächste mögliche Flug – zu diesem Zeitpunkt rechneten wir allerdings nicht damit, dass die Flughäfen bis dahin wieder freigegeben sein würden – wäre am Mittwoch, dem 21. April. Auf diesem Flug waren allerdings nur noch einige wenige Plätze in der Business-Class frei. Zumindest für unsere Gruppe kamen sie also nicht in Frage.

Herr Herms stand per Handy in Dauerkontakt mit seinem Hamburger Reisebüro, das trotz Sonntag für ihn arbeitete, und mit der Dame vom Hanse-Office. Auf Polinas Handy liefen die Informationen von Mann und Tochter ein, die wiederum von möglichen Bekannten Informationen einholten. Nina telefonierte mit der Dame von ihrem Reisebüro und nahm vor allem die zahlreichen Tipps von Elternseite entgegen. Alles schien sich um uns „Gestrandete“ zu drehen: Jeder sucht nach Möglichkeiten, und da Russen es gewohnt sind, sich gegenseitig zu helfen und zu überlegen, wer wen kennt, klingelten die Handys nahezu pausenlos. Dieses Klingeln war zugleich entnervend und beruhigend. In keiner Sekunde dachte ich, man würde uns unserem Schicksal überlassen. Wenn schon gestrandet, dann am besten in Russland, jedenfalls wenn man hier persönliche Freunde hat.

Wir erfuhren, dass alle Züge in Richtung Hamburg auf Tage im Voraus ausgebucht waren. Ein Schiff von St. Petersburg nach Lübeck würde erst mittwochs losfahren und samstags in Hamburg ankommen. Alle Fähren ab Helsinki, wohin wir mit der Bahn oder einem Bus fahren könnten, waren auf längere Sicht ausgebucht. Eine so große Gruppe wie die unsere hatte natürlich keine Chance, Restplätze zu finden. Lera meldete, sie habe ein Angebot für uns, mit 5 Taxen zu je 1.000 Euro nach Hamburg zu fahren. Im Vergleich zu den Taxifahrten, über die wir später im Hamburger Abendblatt lasen, war dies angesichts der großen Entfernung extrem preiswert, aber wir mussten ablehnen: Voraussetzung waren für uns zwei Fahrer, die sich gegenseitig ablösen können. Außerdem waren einzelne Taxis uns zu unübersichtlich. Schließlich trugen wir die Verantwortung für unsere Schüler.

Schließlich kamen wir zu dem Ergebnis, dass es am besten sein würde, einen Bus zu chartern. Es war jedoch Sonntag, und es hieß, wir müssten bis Montagmorgen warten. Das hielten wir für zu riskant. Schließlich waren wir mit Sicherheit nicht die einzigen, die jetzt nach einem Bus suchten. Nicht einmal Valentina, mit deren Reisebüro unsere russische Schule zusammenarbeitet, war in der Lage, die Busfrage schon am Sonntag zu klären. Ebenso wenig gelang dies der Dame vom Hanse-Office.

Es kamen immer neue Vorschläge, alle wollten helfen, hatten Ideen, aber alles zerschlug sich. Als sich abends der Vater von Irina, unserer russischen Fremdsprachenassistentin, bei Nina meldete, hatten wir die Hoffnung eigentlich schon fast aufgegeben. Er habe einen Bekannten, der ein Busunternehmen besitze. Tatsächlich ist der Busunternehmer bereit, uns nach Hamburg zu bringen, zum Freundschaftspreis, wegen Irinas Vater. Da er aber noch unterwegs sei, könne er erst um 23.00 Uhr zu Nina kommen, um mit uns den Vertrag zu machen. Selbstverständlich müsse das Fahrgeld im Voraus bezahlt werden. Das gefiel uns nicht. Aber dann beschlossen wir, ihm zu vertrauen, schließlich war er doch ein guter Freund von Irinas Vater.

Also begann Nina sonntags um 22.10 Uhr, alle russischen Familien anzurufen und ihnen zu sagen, die Kinder müssten am nächsten Morgen um sieben Uhr an der nahen Metrostation stehen und brauchten ein Essenspaket für zwei Tage. (Ich frage mich, wie deutsche Gasteltern auf diese Nachricht so spät am Sonntagabend reagieren würden.) Für russische Eltern schien das alles kein Problem zu sein – zumal es 24-Stunden-Läden gibt. Nina brauchte keine Überzeugungsarbeit zu leisten. Danach besorgte Nina mir das Fahrgeld für den Bus – das russische System der gegenseitigen Hilfe funktionierte perfekt.

Es war bereits 23.15 Uhr, als der Busunternehmer endlich klingelte, ein durchaus sympathisch wirkender Geschäftsmann. Um genau 24.00 Uhr unterschrieb ich den Vertrag. Ich wusste in diesem Moment zwar nicht, wie ich das Geld zurückbekommen würde, denn wir hatten sehr billige Flüge, das heißt, die Erstattung des Rückflugs würde bei weitem nicht ausreichen, um die jetzt entstehenden Kosten zu decken. Ich war aber davon überzeugt, dass wir Hilfe bekommen würden. Herr Herms hatte uns schon die Hilfe des Rathauses zugesichert, und ich konnte davon ausgehen, dass auch die Schulbehörde und die Stiftung Deutsch-russischer Jugendaustausch uns nicht im Stich lassen würden.

Auf der Grundlage meiner Reisenotizen:

Montag, 19. April, 8.14 Uhr russischer Zeit

Wir sitzen seit einer Stunde im Bus von St. Petersburg nach Hamburg. Auf der Strecke nach Tallin, kurz nach der Abzweigung nach Nowgorod, kommt es zu einem Stau. „Das kann eine sehr, sehr lange Fahrt werden“, kommentiert hinter mir Nelli. Kurz darauf stellt sie erleichtert fest: „Ist ja gar kein Stau, ist nur eine Ampel.“ Dann sieht Nellie mich an und sagt: „Wir finden das eigentlich richtig gut hier im Bus.“

Wir fahren durch Dörfer. Annino, dann Krasnoe Selo. Nie gehörte Namen. Wir fahren über einen endlos langen Prospekt Lenina. Unsere Fahrer machen eine kurze Raucherpause. Kein Schüler fragt, ob er mitmachen dürfe. Vor uns an der Straße parkt ein Lastwagen, auf dem oben „Ewakuazia“, Evakuierung, steht. Das Wort kommt mir in unserer Situation geradezu witzig vor.

Bild_1Die Stimmung im Bus ist hervorragend. Der Bus ist zwar nicht sehr neu, er ist früher bereits in Belgien gelaufen, ist aber komfortabel. Vor allem haben wir für unsere 18 Personen 46 Plätze, das heißt, jeder hat, wenn er will, eine Bank für sich und man kann sich etwas bewegen. Wir haben eine Heißwassermaschine und die Schüler machen sich kostenlos Tee, seltener Kaffee, brühen sich die von den Familien mitgegebenen Fertigsuppen auf. Vor allem haben wir zwei ausgesprochen nette und kompetente Busfahrer.

9.08 Uhr

Heftiger Schnee hat eingesetzt, die russische Landstraße, auf der wir uns gerade befinden, ist im Nu schneebedeckt. Am Straßenrand sehen wir eine Frau mit Handy stehen, ihr Auto steht unten im Straßengraben. Die Landschaft sieht wunderschön aus; dennoch hoffen wir, dass die Schneezone bald zu Ende ist, denn der Bus kann nur noch 40 km/h fahren. Eine Stunde später ist der Himmel wieder blau, unser Tempo aber trotzdem nicht viel höher, denn die holprige Straße ist voller Schlaglöcher. Ich versuche, sie zu fotografieren, weil sie doch sehr eindrucksvoll aussehen, noch pittoresker als die Schlaglöcher in Hamburg, aber das Foto gelingt mir nicht so recht.

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Die Stimmung im Bus ist weiterhin gut, nur eine Schülerin klagt, weil sie am nächsten Abend in Hamburg Karten für das Ballett Nijinski hat. Ihr wird langsam klar, dass sie diesen Ballettbesuch „vergessen“ kann.

12.23 Uhr

Wir sind in dem Grenzort Narwa angekommen, wir kommen nun nach Estland. Auf russischer Seite müssen wir aus dem Bus aussteigen, durch eine Passkontrolle gehen. Das erinnert an alte Sowjetzeiten, aber insgesamt ist die Kontrolle harmlos. Auf estnischer Seite werden die Pässe von einer recht unfreundlich erscheinenden Zöllnerin eingesammelt. Die Schüler fragen, was die Zöllnerin jetzt mit unseren Pässen macht. Einer meint, die Dame versteigere sie vielleicht bei Ebay. Wir erzählen, was wir früher bei der Durchreise mit unseren Schülergruppen durch die DDR erlebt haben, wie wir Angst hatten, ein Schüler könne im falschen Moment die Miene verziehen. Angst hat jetzt anscheinend keiner. Da kommt Kollegin Wegehenkel mit den Pässen. Sie zählt sie nach, sicherheitshalber. Um 13.01 Uhr dürfen wir schließlich nach Estland hineinfahren.

15.22 Uhr estnische Zeit, in Russland wäre jetzt schon 16.22 Uhr

Wir haben gerade bei Tartu Pause gemacht. Es geht uns prima. Eine Pause wird immer dann eingelegt, wenn die Schüler melden, dass sie eine Toilettenpause brauchen. Längere Pausen gibt es nicht, keiner überzieht, alle akzeptieren die Eile, denn alle wollen nach Hause. Wir sind jetzt seit fast 10 Stunden unterwegs und die Stimmung ist immer noch bestens. Die Landschaft ist wenig abwechslungsreich, dennoch gucke ich gern nach draußen und habe deshalb kaum etwas gelesen. Ich habe zwei Bücher im Rucksack, Lesen ist mir auf meinen Reisen sonst das Wichtigste, aber wissend, dass ich diese Strecke sicherlich so bald nicht wieder fahren werde, mag ich mich nicht in ein Buch vertiefen. Ich sehe lieber zum Fenster hinaus. Gleiches beobachte ich bei etlichen Schülern. Das Wetter ist wechselhaft, leicht bewölkt bis sonnig. Wir kommen vorbei an vereinzelten kleinen Häusern, die häufig aus Holz sind. Sie wirken gepflegter als die kleinen russischen Holzhäuser in den Dörfern am Straßenrand. Auch die Felder wirken gepflegt, man sieht viel Gras, Birken, aber sie sind noch unbelaubt.

20.26 Uhr estnischer Zeit, 21.26 Uhr russischer Zeit

Jetzt sind wir in Litauen und erleben einen traumhaften Sonnenuntergang. An der Grenze wurden wir nur durchgewinkt. Wir sind seit 15 Stunden unterwegs und noch immer bester Dinge. Es ist noch relativ hell draußen, dennoch beschließen wir jetzt, eine DVD anzusehen. Einen Fernseher haben wir nicht an Bord, wohl aber einen DVD-Spieler. Aus den Filmen, die ich in Russland gekauft habe, habe ich vorsorglich einen russischsprachigen Film mit englischen Untertiteln in meinen Rucksack gepackt. Wer „Küsse mich ohne Presse“ sehen will, kommt im Bus nach vorne. Jetzt gilt es, entweder die russische Sprache oder aber die englischen Untertitel zu verstehen. Glücklicherweise ist der Film relativ leicht zu verstehen. Hinter dem vordergründig erscheinenden Liebesfilm versteckt sich eine Persiflage auf den Aufstieg Putins.

Nachts fahren wir durch bis 2.00 Uhr deutscher bzw. polnischer Zeit, da ist es in St. Petersburg bereits 4.00 Uhr. Wir sind demnach 21 Stunden lang durchgefahren und keineswegs moralisch am Ende. In den letzten Stunden im Bus haben alle irgendwie geschlafen. Dennoch ist es uns nicht entgangen, dass die Fahrer nach der litauisch-polnischen Grenze verzweifelt nach einer Hotelunterkunft für uns gesucht hatten. Der Bus muss nach so vielen Fahrstunden mindestens neun Stunden stehen, aber es erweist sich als ein Problem, für unsere 18-köpfige Gruppe plus 2 Fahrer eine Unterkunft zu finden. Beim sechsten Motel haben wir endlich Glück: Für 320 Euro bekommen unsere 20 Personen eine Unterkunft in Doppelzimmern mit Dusche, WC und Frühstück. Für westlichen Geschmack sehen die Zimmer merkwürdig bunt aus, aber sie sind sauber, und alle sind dankbar, endlich ein echtes Bett zu haben.

Dienstag, 20. April,15.40 Uhr deutscher Zeit.

In unserer Gruppe wirkt keiner kaputt, alle scheinen wohl ausgeruht und natürlich bester Dinge. Zwei Mädchen leiden etwas unter ihrer Erkältung, aber auch wirken keineswegs deprimiert. Wir sind jetzt zwischen Warschau und Posnan. Wegen des starken Verkehrs und der engen Straßen sind wir heute sehr schlecht vorangekommen. Um 11.00 Uhr sind wir in Brudol losgefahren, haben aber nur wenige Kilometer hinter uns gebracht. Die Straßen sind verstopft. Wir fragen uns, ob hier immer so viele LKWs fahren, oder ob der Frachtverkehr vom Flugzeug auf die Straße verlagert wurde. Die Qualität der Straßen ist gut; wir vermuten, dass das den EU-Geldern zu verdanken ist. Zumindest scheinen die Gelder hier gut investiert zu sein, aber man hätte wohl noch mehr gebraucht, um echte Autobahnen zu bauen.

A propos Geld: Heute Morgen habe ich über Handy erfahren, dass auch Gazprom Germania uns unterstützen wird.

Die meisten Schüler haben immer noch genügend Lebensmittelvorräte, weil die russischen Eltern sie sehr gut ausgestattet haben. Wer weniger hatte, bekommt großzügig „Spenden„ von andren. Außerdem sind die Preise für Getränke und Süßigkeiten an der polnischen Tankstelle angenehm niedrig.

Bild_7Abgesehen davon, dass die polnischen Angestellten an der Tankstelle und vorher im Hotel Russisch verstehen, haben wir hier – anders als im Baltikum – auch eine Expertin an Bord: Sandra steht uns als Übersetzerin zur Verfügung.

Die Fahrt durch Polen scheint sich endlos hinzuziehen. Alles wirkt gepflegt und sauber, entspricht keineswegs deutschen Vorurteilen. Selbst die Straßengräben wirken gepflegt. Zwischendurch singen wir im Bus. Ein Problem ist, dass die Schüler und wir kaum die gleichen Lieder kennen. Hinter mir ertönt „Laurentia, liebe Laurentia mein“, die Mädchen kennen das Lied dank Kirchengemeinde und Handballverein. Den „Hamburger Veermaster“ können nur wenige mitsingen. Am besten läuft „What shall we do with a drunken sailor“. Ein russisches Lied können peinlicherweise nur wir Lehrerinnen und natürlich Irina singen, und auch wir bringen nur eine Strophe zustande.

Einige Schüler spielen nahezu unentwegt Karten (u.a. das russische Kartenspiel „Durak“, „Dummkopf“), andre lesen oder hören Musik. Mit Hilfe eines „I-pod“ wird „Tat oder Wahrheit“ gespielt. Früher, als wir ohne moderne Technik gespielt haben, waren die Fragen unserer Meinung nach  abwechslungsreicher. Die beste Stimmung herrscht, als wir ein Quiz veranstalten. Den Wegehenkelschen Fragen merkt man an, dass sie früher einmal Erdkunde unterrichten musste. Hauptstadt der Niederlande? Wir können uns nicht einigen.

Mittwoch, 21. April, 2.55 Uhr

Wir sind etwa 60 km vor Hamburg. Als ich den Preis für den Diesel sah, den unser Bus an der deutschen Grenze tanken musste, wusste ich, dass wir den Bus in der Tat zu einem Freundschaftspreis bekommen hatten! Irinas Vater und seiner Freundschaft mit einem Busunternehmer sei Dank!

Um 4.00 Uhr werden wir in Langenhorn ankommen. Wir werden dann 46 Stunden unterwegs gewesen sein, davon 9 Stunden in einem polnischen Motel, 37 Stunden im Bus, unterbrochen nur durch kurze Toilettenpausen. Dennoch sind die Kinder und wir guter Stimmung. Die meisten haben über Handy guten Kontakt zu ihren Familien gehalten, nur in einem Falle scheint das nicht funktioniert zu haben: Ein Vater hatte morgens im Deutschen Konsulat von St. Petersburg angerufen und geklagt, er wisse nicht, wo sein Kind sei, vielleicht schlafe es unter einer Brücke. Sein Kind lag derweil wohlbehalten in einem Hotelbett, hatte den Eltern nur nicht sagen können, um welchen Ort es sich handelte. Nachts hatte keiner von uns mehr gefragt, wie der Ort hieß. Wir wussten, es war Polen, und wir wussten, es lag auf der Straße nach Hamburg. Die meisten Eltern scheinen uns jedoch zu vertrauen: Die Wegehenkelsche Handynummer, die jeder vor der Reise erhalten hat, wird nicht genutzt.

Als ich nach dreieinhalb Stunden Schlaf am Mittwochmittag in die Schule fahre, sehen mich die Kollegen mitleidig an und meinten, sechsundvierzig Stunden Reise bzw. siebenunddreißig Stunden im Bus müssten doch furchtbar sein. Vorher hätte ich das genauso gesehen, zumal ich als ehemalige Busstewardess (früher habe ich in den Semesterferien bei Touring Europabus gearbeitet) Busfahren seit jeher hasse. Ich habe diese Rückfahrt und das Vorspiel in St. Petersburg jedoch auch als Bereicherung erlebt. Es war insgesamt eine positive Erfahrung, die ich zwar nicht so schnell wiederholen, aber auch nicht missen möchte.

E. Hertel

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